Rückblick 2025

Nationale Demenzkonferenz 2025:
Zukunft Demenz: Neue Horizonte, neue Hoffnung?

Die Nationale Demenzkonferenz 2025 fand am Dienstag, 29. April 2025, unter dem Motto «Zukunft Demenz: Neue Horizonte, neue Hoffnung?» im Kongresszentrum Kreuz in Bern sowie online statt. Sie widmete sich den neuesten Entwicklungen in der Demenzforschung und -behandlung – einem Bereich, in dem trotz intensiver weltweiter Anstrengungen wirksame Therapien weiterhin zu den grössten ungelösten Herausforderungen gehören. 

Die Veranstaltung wurde mit Begrüssungsworten von Dr. med. Thomas Steffen, Präsident von Public Health Schweiz, und Hans Stöckli, Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz, eröffnet. Steffen betonte, wie sehr sich die Menschheit seit jeher mit Alter, Krankheit und dem Wunsch nach Hoffnung auseinandersetzt. Stöckli ergänzte, dies sei eine Hoffnung, die durch neue medikamentöse Therapien gestärkt werde – denn die Hoffnung sterbe bekanntlich zuletzt. 

Im anschliessenden Eröffnungsreferat blickte Prof. Dr. med. Giovanni Frisoni von der Universität Genf auf 30 Jahre Demenzforschung zurück. Er erläuterte die Entwicklungen in der Diagnostik – von genetischen Risikofaktoren wie APOE ε4 über Biomarker bis hin zu differenzierteren Krankheitskriterien. Während die Amyloid- Kaskade früher im Fokus stand, ist mittlerweile bekannt, dass Alzheimer multifaktoriell ist und je nach Form unterschiedlich verläuft. Und heute ist es dank monoklonalen Antikörpern erstmals möglich, den Krankheitsverlauf zu stabilisieren – ein bedeutender Fortschritt. 

In der ersten Keynote-Session stand das Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Realität in der Demenzbehandlung im Zentrum. 

PD Dr. phil. Anna-Katharina Brem von der Universitätsklinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie in Bern thematisierte die Differenz zwischen klinischer Signifikanz auf Gruppenebene und persönlicher Relevanz für Betroffene. Sie plädierte für personalisierte Ansätze, die auch nicht-medikamentöse Interventionen und digitale Technologien einschliessen, um Therapien individuell anpassen zu können. 

Prof. Dr. med. Samia Hurst-Majno von der Universität Genf sprach über ethische Herausforderungen im Umgang mit neuen Therapien. Sie betonte, dass Wohlbefinden viele Dimensionen habe – auch soziale und emotionale –, die mitunter im Widerspruch stehen können. Im Zentrum der Selbstbestimmung stehe die Fähigkeit, persönliche Prioritäten zu setzen, was auch Menschen mit Demenz nicht abgesprochen werden dürfe. 

Die zweite Keynote-Session widmete sich einer ganzheitlichen Behandlung von Alzheimer. 

Dr. phil. René Rüegg von der Berner Fachhochschule stellte das Konzept des Social Prescribing vor. Es zielt darauf ab, soziale Bedürfnisse von Patient:innen frühzeitig zu erkennen und durch sogenannte Link Workers gezielt an Angebote im Gemeinwesen – wie Bewegungs- oder Kulturangebote – zu vermitteln. Dies entlaste Ärzt:innen und stärke gleichzeitig soziale Teilhabe und emotionale Stabilität. 

Dr. phil. Andrea Brioschi Guevara vom Leenaards Memory Center in Lausanne zeigte auf, wie wichtig sekundäre und tertiäre Prävention sind – auch wenn die Grenzen zwischen normalem Altern, leichten kognitiven Störungen und Demenz fliessend sind. Studien belegen, dass präventive Massnahmen wie kognitives Training die individuellen Reserven stärken können. Ihr Fazit: Es ist nie zu früh – und nie zu spät – mit Prävention zu beginnen. 

Am Nachmittag lag der Fokus auf gesundheitsökonomischen Aspekten sowie der Frage, wie gut das Schweizer Gesundheitssystem auf neue Entwicklungen im Zusammenhang mit den neuen Therapien vorbereitet ist. 

Prof. Dr. oec. publ. Simon Wieser von der ZHAW präsentierte im Fokus Daten zu den Demenzkosten in der Schweiz, die sich bereits 2017 auf 11,8 Milliarden Franken beliefen – ein Grossteil davon im Bereich der Langzeitpflege. Neue Therapien wie monoklonale Antikörper würden hingegen voraussichtlich durch die Krankenkassen getragen. Wieser erläuterte die Bewertungskriterien für solche Therapien anhand des WZW-Prinzips (wirksam, zweckmässig, wirtschaftlich) und verwies auf die Herausforderung, Kosten und Nutzen gesellschaftlich tragbar zu balancieren. 

In der dritten Keynote-Session lag der Fokus auf dem Schweizer Gesundheitssystem. 

Dr. med. Rafael Meyer von den Psychiatrischen Diensten Aargau thematisierte die Systembereitschaft im Hinblick auf neue Behandlungsansätze. Er wies darauf hin, dass neue Therapien eine hohe Diagnostik-Kapazität erfordern könnten, was zu einer Versorgungslücke führen kann – je nach Nachfrage, Zulassungsbedingungen und Akzeptanz bei Betroffenen. Die Schweiz sei mit 5.75 Swiss Memory Clinics auf 1 Million Einwohner zwar gut aufgestellt, doch bestehe Unsicherheit bezüglich des effektiven Bedarfs. 

Dr. oec. Laure Dutoit vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium zeigte acht typische Behandlungsverläufe bis zum Lebensende auf – mit Spitalaufenthalten, Heimunterbringung oder Verbleib zu Hause. Der Mehrwert liegt darin, dass nicht nur Durchschnittswerte, sondern individuelle Verläufe sichtbar werden – etwa, ob und wann eine Rückkehr nach Hause erfolgt. 

Anschliessend berichtete Dr. med. Hans Pihan vom Spitalzentrum Biel aus der klinischen Forschung, bevor in einer Podiumsdiskussion Betroffene und Angehörige ihre Erfahrungen teilten. Pihan betonte, dass neue Medikamente nur dank Forschung möglich seien – ebenso wie Erkenntnisse zu Wirkung und Nebenwirkungen. In der Schweiz gibt es derzeit sieben Studienzentren, das Potenzial ist ausbaufähig. Monoklonale Antikörper ermöglichen erstmals eine Stabilisierung der Krankheit – ein historischer Hebel, auch wenn dessen Wirkung sich noch zeigen muss. Die Betroffenen, die an einer solchen Studie teilnahmen, schilderten die Teilnahme als Hoffnungsschimmer – eine Chance, selbst etwas gegen das Fortschreiten der Krankheit zu tun. 

Zum Abschluss fassten Dr. phil. Stefanie Becker und Bettina Maeschli die wichtigsten Erkenntnisse des Tages zusammen. Becker betonte, dass die Schweiz in Bereichen wie Digitalisierung, Prävention und Medikamentenzugang teils wie ein Entwicklungsland wirke. Trotz vorhandenem Know-how sei unklar, ob es sich in der Versorgung widerspiegle. Gesundheit werde oft immer noch nur als Abwesenheit von Krankheit verstanden – nötig seien mehr Personalisierung und eine bessere integrierte Versorgung. 

Die nächste Demenzkonferenz am Dienstag, 28. April 2026, wird unter dem Thema „Demenz und Diversität: Vielfalt und Chancengleichheit in der Versorgung“ stehen. Im Fokus steht, wie unterschiedliche Lebensrealitäten – etwa Migration, queere Identitäten oder Behinderung – in der Demenzversorgung besser berücksichtigt werden können, um Chancengleichheit für alle zu ermöglichen. 

Fotos von der Konferenz

Fotograf: Peter Schneider

Abstract

Sicherheit ohne Bevormundung: Teilhabe und Selbstbestimmung bei Demenz

Wir begleiten Menschen mit Demenz und ihre Nahestehenden im Spannungsfeld zwischen Schutzpflicht und Selbstbestimmung. Der Beitrag stellt einen klaren Handlungsrahmen vor, der geteilte oder unterstützte Entscheidungsfindung mit einem Stufenplan für Sicherheit im Alltag verbindet. Er zeigt, wie Fachpersonen Diversität, Gleichberechtigung und bedarfsgerechte Unterstützung konkret berücksichtigen können. Praxisnahe Beispiele verdeutlichen die Rolle von Fachpersonen als Ermöglichende, Koordinierende und Anwält:innen. Zudem wird das Potenzial von Caring Communities (kein Pflegeersatz) für Entlastung und passende Zugänge aufgezeigt.

Abstract

Demenz und Migration

Die Versorgung von Menschen mit Demenz und Migrationsgeschichte ist häufig durch sprachliche, strukturelle und kulturelle Barrieren geprägt. Mit fortschreitender Demenz verlieren viele Betroffene ihre Zweitsprache und kehren emotional zu ihrer Herkunftskultur zurück. Die Fallvignette einer Frau aus Bosnien zeigt, wie Musik, Rituale, Tradition und Muttersprache zu zentralen Ressourcen des Personseins werden und welche biografisch-kulturellen Bedürfnisse im Versorgungskontext sichtbar werden.

Abstract

Unterschiedliche Wahrnehmungen von Demenz im Migrationskontext: Herausforderungen und Chancen

Die Wahrnehmung von Demenz und von Demenzbetroffenen variiert je nach kulturellem, gesellschaftlichem und historischem Kontext und beeinflusst sowohl die Anerkennung als auch das Erleben der Erkrankung. In zahlreichen Weltregionen ist Demenz nach wie vor weitgehend unbekannt und wird aufgrund anderer Prioritäten und einer kürzeren Lebensdauer nicht als gesundheitliches Problem identifiziert. In der Schweiz stellt sich durch die älter werdende Bevölkerung, auch von immer mehr Menschen mit verschiedensten Migrationshintergründen, die Frage, wie es um einen gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung, um Verständnis und Begleitung von Demenzbetroffenen bestellt ist. Der Vortrag gibt Einblick in unterschiedliche Wahrnehmungen von Demenz und thematisiert die Herausforderungen und Chancen, die sich in Hinblick auf Prävention, Begleitung und die Erbringung von Versorgungsleistungen ergeben.

Abstract

Wir fassen den aktuellen Erkenntnisstand über die sozialen Faktoren von Demenz und deren Behandlung aus einer Lebensverlaufsperspektive zusammen. Der Vortrag zeigt, wie soziale Ungleichheiten in Bezug auf Kindheit, Bildung, Lebensbedingungen, wirtschaftliche Ressourcen und berufliche Laufbahnen sowohl das Risiko für eine Demenzerkrankung als auch den Zugang zu und die Qualität von Gesundheitsversorgung beeinflussen. Wir reflektieren die Rolle des Gesundheitssystems und der nationalen Politik hinsichtlich der Verringerung von sozialen Ungleichheiten kritisch und zeigen Handlungsmöglichkeiten auf systemischer und gesellschaftlicher Ebene für mehr Chancengleichheit auf.

Abstract

Menschen mit Demenz (MmD) erleben ihre Krankheit nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit ihren individuellen, Lebensrealitäten, wie Geschlecht, soziale Lage, Bildung, sexuelle Orientierung, Migrationserfahrung, Vorerkrankungen (Multimorbidität), Behinderung. Diese Merkmale überlagern sich und beeinflussen wesentlich, wie (und ob) Menschen Zugang zu Unterstützung haben und/oder wie vorhandene Angebote in Anspruch genommen werden. Der Vortrag führt in diese komplexe, aber immer wichtiger werdende Thematik der «Intersektionalität» ein, klärt den Begriff und zeigt anhand aktueller Forschung und Praxisbeispielen, in welchen Situationen ein intersektionaler Ansatz dabei unterstützen kann, Versorgungsgerechtigkeit zu fördern und Diskriminierung abzubauen.